Das Körperbewusstsein

August 18, 2022

von:

Rachel Havekost

Ich hatte vor 18 Jahren eine Essstörung - und wie einige vielleicht wissen, überwindet man eine solche Krankheit nie vollständig, man lernt, damit zu leben. Und genau deshalb ist das Thema “Bikini-Saison” besonders schwierig.

 

Zwar hat sich die Vorstellung davon, wie ein "guter Körper" aussieht verändert seit ich 15 Jahre alt war (die Vorstellung wurde vor allem durch die US Weekly und das Star Magazine um ca. 2005 geprängt, wer kann sich erinnern?!). Die Betonung liegt jedoch immer noch auf einem "guten Körper".

 

Ich war selbst in Therapie und habe viel an meinem Selbstwertgefühl, meinem Körperbild und meiner Selbstliebe gearbeitet. Ich habe CBT, DBT sowie Traumatherapie ausprobiert, um meinem Verstand und Körper wieder in Einklang miteinander zu bringen. (Menschen mit einer Vorbelastung, wie beispielsweise Essstörungen oder anderen Traumata erleben oft eine Entkopplung von Körper und Geist.)

 

Als ich begann diesen Artikel zu schreiben, schlich sich das sogenannte

Hochstapler-Syndrom, oder auch Impostor-Syndrom ein. Noch heute habe ich Gedanken darüber, dass ich meinen Körper hasse. Wie könnte also gerade ich anderen Menschen Ratschläge geben oder ihnen helfen, ihren Körper zu lieben?

 

Ich fing an zu recherchieren und hörte zum ersten mal von Körperneutralität. Ich hatte bereits von Körperpositivität gehört und davon, dass diese Bewegung, wie z.B. Lizzo sagt " jede Art von Körpertyp" betreffen sollte.

 

Je mehr ich las, desto mehr wurde mir klar, dass die Art und Weise, wie ich versucht habe mein Körperbewusstsein zu heilen, auf einem individualistischen, sexistischen und frauenfeindlichen Ansatz beruhte: Der Fokus lag immer noch darauf, wie mein Körper aussieht.

 

Nun verlagere ich meine Aufmerksamkeit von der Frage "Wie kann ich meinen Körper lieben?" hin zu der Frage "Wie kann ich mich von der Vorstellung lösen, dass mein Körper, oder auch der eines anderen Menschen eine Norm haben sollte?”

 

Warum Körperneutralität? 

Körperneutralität entstand um das Jahr 2015 als Methode, um unseren Körper durch die Lupe unserer inneren Sinne (wie fühlt er sich an?) anstatt durch äußere (wie sieht er aus?) zu sehen. Das Ziel von Körperneutralität ist es, den Körper als neutral zu betrachten, d.h die emotionale Ladung zu ihm zu beseitigen. Die Vorstellung loszulassen, dass unser Körper auf eine ganz bestimmte Weise auszusehen hat.

 

Körperneutralität bedeutet nicht, dass wir unseren Körper ignorieren: Was wir ignorieren, sind die Schönheitsstandarts.

 

Körperneutralität zielt nicht darauf ab, die Schönheitsstandarts zu ändern: Sie zielt darauf ab, sie zu ignorieren.

 

Anstatt uns darauf zu konzentrieren, unseren Körper immer und in jedem Moment zu lieben, konzentrieren wir uns darauf, unsere Gefühle gegenüber unserem Körper zu akzeptieren und jeden Tags aufs Neue anzuerkennen. 

"Körperneutralität holt mich da ab, wo ich bin. Sie fordert mich nicht auf, mich selbst zu lieben oder etwas zu kaufen oder zu verkaufen oder mich auf Sonnenaufgangswanderungen oder Wohlfühlmantras zu versteifen. Worum sie mich jedoch bittet, ist, mich zu verpflichten, mit der inneren Arbeit zu beginnen, mir wirklich und ehrlich die Frage zu stellen: "Wie fühle ich mich heute mit mir selbst? In vollen Bewusstsein darüber, dass die Antwort nicht statisch ist."”

Den Körper zu “neutralisieren” bedeutet auch die ganzen Bewertungen und Urteile die wir über andere Körpern haben, aufzuheben. D.h. wir reduzieren den Vergleich und die Unsicherheit in der Präsenz anderer Körpern, die den aktuellen Schönheitsstandard widerspiegeln, was auch immer das sein mag. 

Aber wie machen wir das? Indem wir über das Äußere hinausschauen und auf die Person im Inneren des Körpers achten - sowohl bei uns selbst als auch bei anderen. Wenn wir uns mehr auf diese Aspekte konzentrieren, legen wir viel weniger Wert auf die äußere Erscheinung. Dies bildet auch die Grundlage für echte menschliche Beziehungen.

 

Körperneutralität ist ein kollektiver Ansatz zur Heilung negativer Körperbilder.

Für wen ist Körperneutralität geeignet?

Körperneutralität kann eine gute Lösung für Menschen mit einer Vorgeschichte von Essstörungen, körperlicher Behinderung, Traumata, Stigmatisierung oder Geschlechtsdysphorie sein.

 

"Für Transgender- und nicht-binäre Individuen sowie Menschen in anderen benachteiligten und beeinträchtigten Körpern ist Körperneutralität ein realistischeres und integrativeres [Essstörungs-]Behandlungsziel als Körperpositivität."

 

Die regionale medizinische Leiterin des Eating Recovery Center, Elizabeth Wassenaar, erinnert uns daran, dass keine der Bewegungen eine Universallösung für alle bietet. Jeder Einzelne hat die Autonomie und die Wahl zu entscheiden, was auf seiner Reise zur Heilung eines negativen Körperbilds gut für ihn ist.

 

Sie erklärt: "Menschen können zu unterschiedlichen Zeiten in ihrem Leben oder aus unterschiedlichen Gründen von Körperneutralität und Körperpositivität profitieren".

 

Körperneutralität ist für viele nur ein Meilenstein auf ihrer "Körperbild-Reise" und nicht unbedingt der Endpunkt.

 

Während "Körperpositivität" als toxische Positivität kritisiert wurde, ist Körperneutralität mit dem Privileg eines gesunden Körpers verbunden.

 

Auch wenn Körperneutralität vielleicht nicht für jeden das Richtige ist, stellt die Aktivistin Virgie Tovar fest, dass es immer noch ein Sieg in einer "Kultur ist, die die Menschen lehrt, ihre Körper zu hassen".

 

Wenn  Körperneutralität dich nicht anspricht, befasse dich alternativ gerne mal mit den Themen Köperakzeptanz, Körperfreiheit und Körperpositivität, um einen Ansatz zu finden, der zu dir passt (es ist ja schließlich dein Körper).

Wie man Körperneutralität praktiziert

Die Praxis stellt sich meist als schwierig heraus, da die "Mainstream-Kultur" Körperneutralität auf mehreren Ebenen ablehnt. Im Grunde geht es darum, die Tatsache zu akzeptieren, dass man an manchen Tagen seinen Körper vielleicht nicht liebt. Und das ist völlig okay. Das Ziel ist nicht die totale Körperliebe, vielmehr geht es darum unser Verständnis für das Menschsein zu erweitern.

 

1: Reflektiere über deinen Ausgangspunkt

Sei ehrlich zu dir selbst, was deine Beziehung zu deinem Körper angeht.

 

Wie viel Zeit verbringst du täglich damit, darüber nachzudenken, wie er aussieht? Wie viel Zeit verbringst du damit, dich darauf zu konzentrieren, was dein Körper für dich tut? Welche Gefühle hast du gegenüber dem Körper anderer Menschen?

2: Dankbarkeit + Affirmationen für das, was dein Körper TUT

Halte Dankbarkeit für das, was dein Körper tut und nicht darüber, wie er aussieht, fest. Du kannst auch Dankbarkeit dafür empfinden, wie er sich anfühlt oder funktioniert.

 

Das Gleiche gilt für Affirmationen. Versuche dich in "neutralen" Affirmationen darüber, was dein Körper tut, wie er sich anfühlt und wie er dich unterstützt. Zum Beispiel: "Mein Körper bringt mich von meinem Bett in die Küche" oder "Mein Magen verdaut alles, was ich esse".

 

Du kannst auch aufschreiben, wo deine Grenzen liegen, z.B. "Ich reagiere nicht gut auf laute Geräusche" oder "Ich mache keinen intensiven Sport, weil ich ein Herzleiden habe." Auf diese Weise holst du dich selbst dort ab, wo du gerade bist und dich akzeptieren kannst.

 

3: Werte + Interessen

Beginne damit, deine Werte und Hobbys neu zu bewerten. Berücksichtige auch, wie dir dein Körper bei diesen Dingen hilft.

 

Was machst du gerne? Wie ermöglicht es dir dein Körper, diese Dinge zu tun? Wie sorgst du dich um deinen Tempel, damit du das tun kannst, was du liebst?

 

Das lenkt den Fokus vom Aussehen des Körpers auf das, was er für deine Lebensfreude tun kann.

 

4: Achtsames Essen und Bewegung

Achtsamkeit stärkt unsere Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment zu bleiben. Dies erweist sich als nützlich, wenn du dich in Vergleichsgedanken hineinsteigerst. Beginne doch einmal damit, beim Essen darauf zu achten, was dein Körper von dir verlangt.

 

Auf was hast du Lust zu essen? Wie schmeckt, riecht und fühlt sich das Essen an? Was sagt dein Körper zu dir, wenn du isst?

 

Je mehr du auf die Signale deines Körpers vor, während und nach den Mahlzeiten achtest, desto mehr trainierst du deinen Geist darauf, die Beziehung zwischen Körper und Essen wertzuschätzen.

 

Das gleiche gilt für die Bewegung. Frage doch deinen Körper, wie er sich bewegen möchte.

 

Möchte er einen langen Spaziergang im Freien machen? Eine spielerische Gymnastikstunde? Freizeitsport und die Verbindung mit anderen Menschen? Oder einfach nur ausgiebige Dehnübungen in der Sonne?

 

Je achtsamer wir mit unserer Bewegung umgehen, desto mehr bauen wir eine Beziehung zu unserem Körper auf, bei der es mehr darum geht, wie er funktioniert und sich bewegt, als darum wie er aussieht, während er sich bewegt. 

Accounts zur Förderung von Körperneutralität

"Manchmal schämen wir uns für unser Aussehen. Wir schämen uns dafür, dass unser Körper in Bezug auf Fähigkeiten, Gesundheit und Erwartungen zu kurz kommt. Das ist völlig normal - besonders in einer sexistischen, objektfixierenden Kultur, die zu viel Wert auf das Aussehen von Frauen legt. Aber du musst mit dieser Scham nicht fertig werden, indem du deinen Körper bestrafst, damit er in eine willkürliche, unerreichbare Schönheitsform passt, die dir vorgeschrieben wurde."

 

Körperneutralität verfolgt einen viel präsenteren, achtsameren und auf völliger Akzeptanz basierenden Ansatz, um über die Gefäße, in denen wir leben, nachzudenken.

 

Wenn du mehr über völlige Akzeptanz und Körperneutralität erfahren möchtest, schau dir einmal diese Accounts näher an:

@christinejbyrne

@Jameelajamil

@Tiffanyima

@beauty_redefined

@thebodyisnotanapology

@Pinkmantaray

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